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SPD Sachsen-AnhaltJens Bullerjahn: Erinnerungen zur Neugründung der SPD im Mansfelder Land

Donnerstag, 12. August 2010

Schritte in eine neue Zeit

Geschichte hat mit Zeit zu tun, mit vergangener Zeit. Manchmal allerdings kann sie sich erheblich beschleunigen. Zeitgenossen spüren Geschichte dann als schieres Tempo. So geschehen in der DDR in den Jahren 1989/90.

Manchmal sitzen wir heute – nach zwanzig Jahren – mit Freunden, im Familienkreis, im Ortsverein zusammen und erinnern uns an jene atemlose Zeit. Namen tauchen auf, Ereignisse, Daten, wichtige Situationen, unterschiedliche Erinnerungen. Manches geht inzwischen durcheinander, wird vergessen, muss aus Bruchstücken rekonstruiert werden, wurde von unterschiedlichen Menschen anders erlebt. Jedenfalls waren wir damals so vom alltäglichen Geschehen in Anspruch genommen, dass an eine Dokumentation niemand gedacht hat. Zunächst wäre sie zu gefährlich gewesen, später hatten wir alle Wichtigeres zu tun.

Die SPD hat den Aufbau und die Entwicklung Sachsen-Anhalts in den vergangenen beiden Jahrzehnten entscheidend mit geprägt. Da lohnt sich die Erinnerung, denn wir sind einen weiten Weg gegangen. Dieser Weg begann überall im Osten, aber eben auch im Mansfelder Land.

Das Kombinat …

Das „Rote Mansfeld“. Das war 1989 nicht nur die hoch gehaltene Tradition der Märzkämpfe 1921, die Tradition des Bergbaus und der Hüttenwerke, die harte Arbeit über Generationen – das war auch eine relativ wohlhabende Ecke, ernährt und strukturiert durch das Mansfeld Kombinat. Das waren gute Löhne für Bergleute und Hüttenarbeiter, große Vergünstigungen, Jahresdeputat und den Schnaps „Kumpeltod“; das war bis in die Familien hinein ein vielfach verflochtenes System von Partei, Verbänden, FDGB; zwei Kreisleitungen (Eisleben und Mansfeld Kombinat) und ein außergewöhnlich hoher Prozentsatz an SED-Mitgliedern – Mansfeld war nicht rebellisch; sozialdemokratische Strukturen gab es natürlich keine mehr.

Das Mansfeld Kombinat war ein Staat im Staate – sein Kupfer wurde an der Londoner Börse gehandelt. Die Mansfelder waren nicht diejenigen, die zuallererst alle Nöte erlebt haben. Ich fühlte mich dazu gehörig.

… und ich mittendrin.

Als junger Ingenieur arbeitete ich in der Prozessautomatisierung. An einer P 8000 Maschine. Es gab auch neue Technik von Siemens. Nebenher ein Fernstudium, um mich für ein Informatikstudium an der TU Dresden weiter zu qualifizieren.

Aber ich war – und das war für mich eine sehr bewusste Entscheidung – kein Mitglied der SED. Damit war auch klar, dass man bestimmte Dinge nicht machen konnte. Das Kombinat hätte mich als Parteilosen zwar noch an die TU gebracht, aber als es wegen der Rohstoffbeschaffung um ein Projektierungsbüro in Kasachstan ging, hieß es sehr deutlich: „Du würdest Dir bestimmte Dinge sehr viel leichter machen, wenn Du in der Partei wärest.“

Und dann war da noch die Kaderakte. Vor meinem Ingenieurstudium war ich bei der Marine, Grenzbrigade Küste. Danach wollte ich weiter zur See fahren, bei der Handelsmarine. Bei der Marine bin ich gefragt worden, ob ich für die Stasi werben wolle. Ich war einer der wenigen, die schriftlich abgelehnt haben. Insofern findet sich in meiner Akte eine von mir unterschriebene Erklärung, nach der ich „aus egoistischen Gründen“ diesem Staat nicht dienen wolle und das natürlich Konsequenzen nach sich ziehen würde. Erste Konsequenz: bei der Handelsmarine konnte ich nicht mehr landen.

Wohlgemerkt: Ich war kein Opfer, ich war auch kein heroischer Oppositioneller. Ich war z.B. – auch das gab es – in der FDJ aktiv, ohne Parteimitglied zu sein. Gleichzeitig war mir immer klar, wie schnell es problematisch werden konnte, wenn man bestimmte Diskussionen aufmachte oder für bestimmte Anforderungen nicht zur Verfügung stand. Im Mansfeld Kombinat hatte ich mich damit zurechtgefunden.

Diejenigen, die die SPD (oder zunächst die SDP) aufgebaut haben, waren Leute aus der Kirche. Aufgrund von Herkunft und Erziehung hatte ich zu ihnen keine Beziehung und bis zum Sommer 1989 auch keinen Kontakt.

Verschiedene Welten: Ich war Ingenieur. Ich war im Kombinat. Ich hielt nichts von Parteien. Ich war „fachlich geprägt“.

Im Sommer 1989 wurde ich in der „Mansfeld Zeitung“ in einem Artikel über die neue – und ganz und gar unrentable – Brikettierungsanlage sehr kritisch zitiert. Das gab Ärger – als Systemopposition wird man das sicher nicht bezeichnen können. Immerhin: die Anlage wurde direkt nach der Wende wieder abgebaut und ins Ausland verkauft.

Frischer Wind

Aber ich war politisch interessiert. Nicht nur Westfernsehen – ich hatte das Spannungsfeld in der Familie: Verwandtschaft in Westberlin, die uns regelmäßig besuchte. Diese Verwandten waren aktive Sozialdemokraten. Ein Großonkel war einer der ersten jüdischen Stadtverordneten. Ein anderer Onkel dagegen war Oberstleutnant der NVA. Ich hatte die beständige Debatte in meiner Familie, in der es auch SED-Mitglieder gab: was ist gut, was weniger gut? Wir hatten Kenntnis vom Westen und von der SPD und es ging munter zu am Küchentisch.

Was wir alle nicht hatten: die Weitsicht für den wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR. Es mag sein, dass es an anderen Stellen in der DDR (in Ministerien, Planungsstäben etc.) diese Klarheit gab – wir hatten sie nicht. An dieser Stelle warne ich auch immer sehr vor nachträglicher Legendenbildung. Die meisten DDR-Bürger hatten diese Weitsicht nicht, weil sie die Informationen dazu nicht hatten.

Meine Frau, Kerstin, bewegte sich in Kirchenkreisen. Ihr ist es zu verdanken, dass ich im Herbst 1989 an sog. Friedensgebeten in der Petrikirche in Eisleben teilnahm und so auf Pfarrer Ingo Rockmann stieß. Ingo Rockmann führte die Diskussionen um die Zukunft der DDR schon lange. Im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen im Frühjahr war es zu ersten energischen Protesten gekommen. Ingo Rockmann hatte Kontakt zum Gründerkreis der SDP in Schwante, kannte Markus Meckel, Martin Gutzeit, Arndt Noak. Und – Ingo Rockmann hatte ein Telefon.

Es wurden viele Diskussionen geführt in diesem Herbst. Da waren meine Frau und unsere Freunde aus dem Kirchenkreis; da waren meine Verwandten, die sich jetzt trauten, Bücher, Programme, Papiere mitzubringen. Da war Ingo Rockmann. Da war auch ein Besuch beim „Neuen Forum“, aber die dortigen Diskussionen waren mir nicht strukturiert genug. In diesen Gesprächen fand ich den entscheidenden Zugang zu sozialdemokratischem Denken. Wie auch in anderen Zirkeln und Parteien wurde zunächst viel über einen „dritten Weg“ diskutiert. So gehörte ich auch zu denen, die nach der Maueröffnung nicht gleich hinüber gefahren sind; „Westgeld“ war uns eigentlich zunächst nicht das Wichtigste. Aber auch darüber ging die Geschichte mit erheblichem Tempo hinweg.

Ich habe mir meine Entscheidungen nicht leicht gemacht. Aber nach intensivem Studium der SPD-Programmatik war klar: Wenn Du Dich jetzt parteipolitisch engagierst, dann mach es richtig. Beschäftige Dich mit dem Programm. Insofern habe ich eine sehr bewusste Wahl getroffen.

Im April 1989 war der erste Aufruf zur Gründung der SDP formuliert worden, im September fand sich ein Kreis zur Gründung der SDP Mansfelder Land zusammen, am 7.Oktober 1989 wurde die SDP in der DDR formell gegründet. Noch im Oktober trat ich ein.

Die Gründungssitzung der SDP Ortsgruppe Eisleben fand am 2. November 1989 statt. Tagesordnung, handschriftlich: 1. Fragen zum Statut vom 7.10. 1989, 2. Grundzüge der Parteiarbeit in unserer Stadt, 3. Verschiedenes. Darauf folgte die 2. Sitzung am 9.11. Tagesordnung: 1. Reisegesetz, 2. Demonstrationen, 3. Verschiedenes.

Unsere Tagesordnungen waren, rückblickend gesehen, von erfrischender Kürze; ein Schulheft für die 9. – 12. Klasse reichte uns als Protokollbuch, ich selbst kam mit einer Arbeitskladde im A5-Format aus.

Ein kleines Häufchen im Mansfelder Land: knapp zehn Mitglieder. Um nur einige zu nennen: Alfred Böttge, Frank Beier, Otto Röver, Jörg Lützmann, Katrin Konschak, Karl-Friedrich Piesnock und andere. Manche sind uns inzwischen verloren gegangen – das war damals in vielen gesellschaftlichen Bereichen so. Aber es ändert nichts an ihrem Engagement, ihrem Idealismus und ihrer Leistung. Ich bedaure diese Verluste noch heute. Viele andere sind dazu gekommen, um weiter für unsere sozialdemokratischen Ziele zu kämpfen.

Sozialdemokratische Netzwerke

In der Zeit zwischen Oktober und Dezember 1989 wurden in verschiedenen Städten Regionalgruppen der SDP gegründet. Die SDP bekam zwei Sitze am Zentralen Runden Tisch der DDR. Ab dem 13. Januar 1990 führte die Partei nach einem Beschluss der 1. Delegiertenkonferenz in Berlin die Abkürzung SPD, was eine Hinwendung zur westdeutschen Sozialdemokratie verdeutlichte. In diese Zeit fällt die Gründung der Bezirks- und Regionalverbände der Partei. Am 29. Januar entsandte die SPD der DDR mit Walter Romberg einen Vertreter als Minister ohne Geschäftsbereich in die Regierung von Hans Modrow.

In diesem Herbst saßen auch wir am Runden Tisch in Eisleben; die CDU musste sich damals noch auf der Gegenseite rechtfertigen. Wir lösten die örtliche Stasi-Zentrale auf, entsandten Ingo und mich als Sprecher in den Stadtrat von Eisleben, suchten Kontakt zu anderen Ortsvereinen. Der spätere Landesparteivorsitzende schildert diese Kontaktaufnahme so: „Wir schickten von Halle aus jemanden über die Dörfer, der an den Kirchentüren Veranstaltungshinweise und Kontaktadressen gesammelt hat.“ – So lernte ich Rüdiger Fikentscher eines Tages in den Franckeschen Stiftungen kennen.

Bei aller Aufbauarbeit ist mir aus jener Zeit ein Anruf noch sehr in Erinnerung geblieben. Das Büro des Bundestagsvizepräsidenten Westphal meldete sich. Heinz Westphal hatte seinen Wahlkreis im Ruhrgebiet. „Genossen, ihr seid Bergleute und wir auch. Wir wollen Euch am Wochenende besuchen und sehen, ob wir nicht eine Partnerschaft der Ortsvereine hinbekommen.“ – Am kommenden Wochenende enterten die Kumpel aus dem Ruhrpott Eisleben, brachten Papiere, Unterlagen, vor allem ihre Erfahrung mit. Wir mussten die Gäste aufteilen, bei uns übernachtete der NRW-Landtagsabgeordnete Helmut Hellwig und stellte mir nach langen Diskussionen unvermittelt die Frage: „Warum geht so einer wie Du nicht in den Landtag?“ – Im Januar 1990 waren Ingo Rockmann und ich auf dem Weg zu einem Parteitag der SPD im westfälischen Herne und hielten unsere erste Rede.

Die Herner Genossinnen und Genossen haben uns auch im Wahlkampf zur Volkskammerwahl am 18. März 1990 sehr unterstützt. Sie reisten mit Bussen und Blaskapelle an und veranstalten gemeinsam mit uns ein spektakuläres Bürgerfest in Eisleben. Wir alle waren optimistisch, die Wahl zu gewinnen. Schließlich hatten wir viel geleistet in den zurückliegenden Monaten.

Die Volkskammerwahl am 18. März 1990 brachte uns allen eine herbe Enttäuschung. Die SPD hatte 21,7 Prozent der Stimmen erhalten – weit entfernt von der erhofften Mehrheit. Wir waren erschüttert. Die Aussicht auf die deutsche Einheit war am stärksten von Helmut Kohl bedient worden. Dagegen waren die Bedenken des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine wie die Äußerungen eines Spielverderbers angekommen. Auch die anfängliche Debatte über einen langsamen Übergang wurde fortgespült. Schon damals wurde deutlich, dass im Mansfelder Land der Bergbau seinem Ende zugehen würde. Viele Leute hatten Angst, viel zu verlieren. Gegen die Perspektivlosigkeit hatte Hans-Dietrich Genscher auf dem Marktplatz von Eisleben Autobahnen als probates Mittel angeboten, Helmut Kohl an gleicher Stelle die D-Mark. Blühende Landschaften sollten entstehen. – Wir hatten unsere erste politische Niederlage erlebt. Wir erlebten aber auch einen beeindruckenden Johannes Rau auf dem Marktplatz in Eisleben und den engagierten Wiederantritt der Mansfelder SPD zu den Landtagswahlen im Herbst.

Vom 12. April bis zum 20. August 1990 war die SPD der DDR an der Regierung des Christdemokraten Lothar de Maizière mit sechs Ministern beteiligt, die bekanntesten Namen waren dabei Markus Meckel (Äußeres), Regine Hildebrandt (Soziales) und Walter Romberg (Finanzen). Reinhard Höppner wurde Vizepräsident der Volkskammer.

In diesem Sommer 1990 forderte mich mein Chef im Betrieb auf, eine Entscheidung zu treffen. Ich habe mich entschlossen, mich beruflich der Politik zuzuwenden. Zunächst für kurze Zeit als Regionalgeschäftsführer in Eisleben, dann zur Kandidatur für die Landtagswahlen am 14. Oktober 1990.

Der Aufbau des Landes sollte voran gehen. Und zwar mit klarer sozialdemokratischer Handschrift. Dafür hatten wir die SPD im Mansfelder Land ja schließlich gegründet.

(Dieser Text wurde aus dem Heft 5 “Neugründungen 1989/1990″ der Historischen Kommission des SPD Landesverbandes Sachsen-Anhalt entnommen. Das Heft kann in Kürze auf www.spd-sachsen-anhalt.de bezogen werden.)

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