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AllgemeinZum Tag der Deutschen Einheit: Weitergehen! Die Richtung stimmt.

Freitag, 08. Oktober 2010

Als am 3. Oktober 1990 – kurz nach Mitternacht – der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker feststellte: „Die Einheit Deutschlands ist vollendet“, setzte er den Schlusspunkt unter ein turbulentes, ein historisches Jahr deutscher Geschichte. Ein Jahr des Umbruchs: An einer Nahtstelle des Kalten Krieges hatte nicht nur die deutsche Teilung ihr Ende gefunden, es hatten sich auch die Konstellationen europäischer Politik grundlegend geändert. Mit der Auflösung der alten Blöcke entwickelte sich auch ein neues Koordinatensystem in der Weltpolitik.

Ein Jahr zwischen dem Mauerfall im November 1989 bis zum Oktober 1990 beendete die Nachkriegszeit und stieß die Tür auf zu einer neuen Entwicklung, deren Zeugen wir in den letzten zwanzig Jahren gewesen sind. Die Einheit Deutschlands war am 3.Oktober 1990 vollendet – juristisch. Doch diese Einheit in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Alltag erfahrbar zu machen, erforderte und erfordert einen deutlich längeren Weg.

Die Jahre 1989/90 waren atemlos: Demonstrationen, Mauerfall, Runde Tische, Volkskammerwahl, die 2plus4-Verhandlungen, Beitrittsbeschluss und Einigungsvertrag im August und dann der Tag seiner Inkraftsetzung am 3. Oktober.

Der Stolz auf die friedlich gelungene Revolution bleibt, auch der Dank an viele Bekannte und Unbekannte in Deutschland, hüben wie drüben, die uns dabei unterstützt haben. Dank auch an Politiker und Bürger im Ausland: Ungarn, Tschechen, Russen, Amerikaner und Polen.

1989/90 wollten die meisten von uns Veränderungen, wir waren froh über die neu gewonnenen Freiheiten, gingen hoffnungsvoll in die Zukunft. Doch die wenigsten waren vorbereitet auf das, was folgte: Innerhalb eines Jahres stellte ein ganzes Volk sein Leben auf den Kopf und erlebte eine dramatische Umstellung aller Lebensverhältnisse. Veränderungen solchen Ausmaßes sind in der Geschichte  ohne Friktionen nicht zu haben.

Milliarden sind seither in den Auf- und Ausbau eines modernen Wirtschafts- und Sozialsystems geflossen. Ohne diese Solidarität stünden wir nicht da, wo wir heute stehen. Wir sollten diese Hilfe anerkennen. Und: wir werden noch auf absehbare Zukunft von Zuwendungen des Bundes, der Länder und der EU abhängig sein.

Andererseits wurde uns nach der Vereinigung ein beispielsloser Transformationsprozess zugemutet. Der „gelernte DDR-Bürger“ fühlte sich als Objekt einer Entwicklung, auf die er keinen Einfluss mehr hatte. Viele fühlten sich als Opfer, viele wurden Opfer. Sie erlebten westdeutschen Hochmut, wirtschaftliches Raubrittertum, wurden über Nacht arbeitslos, in ihrem Können und ihren Erfahrungen entwertet.

Die DDR war zwar auch, aber eben viel mehr als nur Stasi und Staatsbürgerkundeunterricht. Darauf lassen die Biographien sich nicht verkürzen. Viele Ostdeutsche führten in der DDR ein ganz normales Leben. Haben viel gearbeitet, in Verantwortung ihre Kinder groß gezogen, sich sportlich und kulturell engagiert, – gelebt. Damit relativieren wir nicht die schweren Menschrechtsverletzungen während der SED-Diktatur. Wir werden nur der gelebten Wirklichkeit gerechter und es ist wichtig, dass wir offensiver mit dieser Lebensleistung umgehen. Auch öffentlich.

Wir haben nicht nur die Einheit herbeigeführt, wir haben vor allem vor und nach der Wende weit mehr Belastungen hingenommen, als in den alten Ländern Politikern ihren Bürgern zumuten würden.

Doch inzwischen, mit der Erfahrung von zwanzig Jahren,  kommen auch der Stolz und das Selbstbewusstsein über das hinzu, was wir an Veränderung, Aufbau und Stabilität geleistet haben. Seht auf die Städte und Dörfer, die Infrastruktur und die Hochschulen, die medizinische und soziale Versorgung, Wissenschaft und Bildung. Blickt auf Tourismus und Kulturerbe, Handel, Gewerbe und Industrie.

Fragt Eure Kinder! In den vergangenen 20 Jahren ist eine neue Generation herangewachsen, denen in eigener Verantwortung alle Wege und Möglichkeiten offen stehen. Auch deren Leben wird nicht ohne Probleme, Unwägbarkeiten und kritische Entscheidungen verlaufen. Sie werden sich mit neuen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen konfrontiert sehen. Geschichte steht nicht still. Aber sie haben mehr Freiheit, mehr Sicherheit und größere persönliche Chancen als zuvor.

Wir hängen noch zurück, sind noch finanziell abhängig vom Tropf des Bundes und der anderen Länder. Aber wir werden Ende des Jahrzehnts auf eigenen Füssen stehen, weil wir seit der Wende alle Herausforderungen angenommen und auch gemeistert haben.

Die Wende ist Geschichte, unsere Geschichte. In zehn Jahren wird auch die Herstellung der deutschen Einheit Geschichte sein. Niemand hat behauptet, Freiheit und Demokratie seien eine mühelose Angelegenheit. Vielleicht kostet sie sogar mehr Mühe, mehr Verantwortung, verlangt höhere Entscheidungsfähigkeit. Die Vollendung der Einheit hat Mühe, Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit gekostet, aber sie wird auch gelingen. Bereiten wir uns vor auf die nächsten Schritte der demokratischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung – im gemeinsamen Deutschland, einem gemeinsamen Europa.

Das ist die Botschaft des 3. Oktober 1990.

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